Erster Roadtrip im Wohnmobil, Juni 2023. Ich hatte null Berechnung gemacht. Eine Station mit 500 Wh, ein mäßiger Kühlschrank, ein 100 W-Panel auf dem Dach. Ergebnis: Am dritten Tag war meine Station um 14 Uhr leer. Kühlschrank aus. Handy tot. Und ich, gestrandet auf einem Supermarktparkplatz in Rosenheim, auf der Suche nach einer Steckdose wie ein Energie-Bettler. Alles nur, weil ich mir nicht zehn Minuten Zeit genommen hatte, eine Verbrauchsbilanz aufzustellen.
Dieser Ratgeber -- das sind die zehn Minuten, die ich mir vorher hätte nehmen sollen.
Bevor du weißt, wie viel Watt du brauchst, musst du wissen, wie viel Watt du verbrauchst. Nicht in der Theorie. In der Praxis, mit deinen Geräten, deinen Gewohnheiten, deiner Art, im Wohnmobil zu leben.
Die Formel ist simpel. Für jedes Gerät multiplizierst du seine Leistung in Watt mit den Betriebsstunden pro Tag. Das ergibt den täglichen Verbrauch in Wattstunden (Wh). Alles addieren. Das ist dein Tagesbedarf.
Aber Achtung: Die Leistung auf dem Typenschild ist oft die Maximalleistung. Dein Kühlschrank mit 45 W verbraucht nicht ständig 45 W. Der Kompressor läuft intermittierend: 15 Minuten an, 30 Minuten aus, je nach Umgebungstemperatur und Einstellung. In der Praxis verbraucht ein 45 W-Kühlschrank zwischen 15 und 25 W im Durchschnitt. Dieser Durchschnittswert zählt für deine Berechnung.
Ich nehme ein klassisch ausgebautes Wohnmobil, Typ Fiat Ducato oder Mercedes Sprinter, mit einem Ausbau der Mittelklasse. Folgendes schließen die meisten Wohnmobil-Reisenden täglich an.
Der Kompressorkühlschrank. Das ist der größte Verbraucher. Ein Dometic CFX 35W oder Vergleichbares zieht je nach Außentemperatur zwischen 15 und 25 W im Durchschnitt. Bei Hitze (30 Grad draußen) läuft der Kompressor öfter und der Schnitt steigt auf . Bei kühlem Wetter (15 Grad) sinkt er auf . Auf 24 Stunden macht das . Sagen wir für einen normalen Sommertag.
25 W12-15 W360 bis 600 Wh480 WhDie LED-Beleuchtung. Zwei bis drei LED-Leisten innen verbrauchen zusammen 5 bis 10 W. Bei etwa 4 Stunden Nutzung pro Tag (abends + morgens) sind das 20 bis 40 Wh. Harmlos.
Das Smartphone. Eine Vollladung eines aktuellen iPhone oder Samsung kostet etwa 15 bis 20 Wh. Bei zwei Handys pro Tag rechne mit 30 bis 40 Wh.
Der Laptop. Ein MacBook Air verbraucht je nach Nutzung 30 bis 60 W. Für 3 Stunden Arbeit sind das 90 bis 180 Wh. Wenn du remote aus dem Wohnmobil arbeitest, ist das ein erheblicher Posten.
Der Ventilator. Ein Maxxfan oder Vergleichbares verbraucht je nach Stufe 3 bis 30 W. Auf mittlerer Stufe, sagen wir 10 W für 8 Stunden nachts im Sommer: 80 Wh.
Die Wasserpumpe. 30 bis 60 W, aber sie läuft nur ein paar Minuten am Tag. Insgesamt 5 bis 15 Wh. Vernachlässigbar.
Die Dieselheizung (Typ Webasto oder China-Dieselheizer). Gute Nachricht: Die Verbrennung liefert die Wärme, der Strom versorgt nur die Steuerelektronik und das Gebläse. Stromverbrauch: 10 bis 30 W je nach Stufe. Bei einer kalten Nacht über 10 Stunden: 100 bis 300 Wh.
Das Drohnen- oder Kameraladegerät. Sehr variabel. Ein DJI-Mini-Akku hat 20 Wh. Ein Mavic 3 hat 77 Wh pro Akku. Drei Akkus sind 230 Wh. Nicht zu unterschätzen.
Der 4G/5G-Router oder WLAN-Hotspot. 5 bis 15 W im Dauerbetrieb. Auf 24 Stunden, wenn du ihn anlässt: 120 bis 360 Wh. Diesen Posten vergessen viele.
Profil "Minimalist": Kühlschrank + Beleuchtung + Handys. Du bist tagsüber draußen, kommst abends ins Wohnmobil zum Schlafen. Tagesverbrauch: 500 bis 600 Wh.
Profil "Komfort": Kühlschrank + Beleuchtung + Handys + Laptop 2h + Ventilator nachts. Der Standard-Wohnmobil-Reisende, der etwas arbeitet, etwas kocht, viel genießt. Tagesverbrauch: 700 bis 900 Wh.
Profil "Mobiles Büro": Kühlschrank + Beleuchtung + Handys + Laptop 6h + Ventilator + 4G-Router im Dauerbetrieb + diverse Akkuladungen. Der Hardcore-Digital-Nomade, der aus dem Wohnmobil arbeitet. Tagesverbrauch: 1000 bis 1400 Wh.
Diese Zahlen stammen nicht aus einer theoretischen Tabelle. Sie kommen aus meiner Erfahrung über drei Jahre Teilzeit-Wohnmobil-Leben und dem Feedback der Community.
Du kennst deinen Tagesverbrauch. Jetzt: Wie viele Tage Autarkie willst du ohne Nachladen?
Ein Tag Autarkie ist das Minimum, wenn du auf Solar zum täglichen Nachfüllen setzt. Zwei bis drei Tage Autarkie sind komfortabel, um einen Regentag oder einen Schattenstellplatz stressfrei zu überstehen. Fünf Tage und mehr sind für Leute, die in abgelegene Gebiete fahren, ohne Sonnengarantie.
Für das Profil "Komfort" mit 800 Wh pro Tag und zwei Tagen gewünschter Autarkie brauchst du eine nutzbare Kapazität von 1600 Wh. Rechnet man ein, dass du nie unter 10 % gehst und der Wechselrichter 10-15 % bei der Umwandlung frisst, brauchst du eine Station mit etwa 2000 Wh Nennkapazität.
Für das Profil "Minimalist" mit zwei Tagen Autarkie: 1200 bis 1500 Wh Nennkapazität.
Für das Profil "Mobiles Büro" mit zwei Tagen Autarkie: 2500 bis 3000 Wh. Da reden wir von schwerer Artillerie wie Bluetti AC200L mit Erweiterung oder Jackery 2000 Plus.
Reine Batterie-Autarkie ist eine Sache. Aber die meisten Wohnmobil-Reisenden ergänzen mit Solar. Und da ändert sich alles.
Im Sommer in Süddeutschland produziert ein 200 W-Panel im Schnitt 800 bis 1000 Wh pro Tag. Genug, um den Bedarf des Profils "Komfort" fast vollständig zu decken. Wenn die Sonne scheint, lädt sich deine Station tagsüber auf, und du bleibst quasi unbegrenzt autark.
Im Winter in Norddeutschland produziert dasselbe Panel 150 bis 300 Wh pro Tag. Die Tage sind kurz, die Sonne steht tief, der Himmel ist oft bedeckt. Du deckst nicht mal die Hälfte des "Minimalist"-Bedarfs. Im Winter ist Solarladung eine Ergänzung, keine Lösung.
Deshalb sage ich immer: Dimensioniere deine Station so, dass du die schlechteste Phase deiner Reise ohne Solar überstehst, und betrachte Solar als Bonus, der die Autarkie verlängert.
In der Praxis fährt mein Wohnmobil-Setup -- Profil "Komfort" -- mit einer 1000 Wh-Station und einem faltbaren 200 W-Panel. Im mediterranen Sommer habe ich Energieüberschuss. Im November in Schleswig-Holstein muss ich alle zwei Tage eine Steckdose finden. Der Kompromiss passt, weil ich nicht ganzjährig im Wohnmobil lebe. Wer permanent im Wohnmobil lebt, sollte diese Kapazitäten verdoppeln.
Wir haben über Kapazität (wie viel Wh) gesprochen, aber es gibt einen zweiten Parameter, der Wohnmobil-Reisende oft ausbremst: die momentane Ausgangsleistung in Watt.
Dein Kühlschrank verbraucht 45 W im Dauerbetrieb, zieht aber 120 W beim Kompressorstart. Wenn deine Station nur 100 W liefert, startet der Kühlschrank nicht. So einfach und so ärgerlich ist das.
Die manuelle Espressomaschine mit Pumpe: 800 bis 1200 W. Der Wasserkocher: 1000 bis 2000 W. Der Föhn: 1000 bis 2200 W. Ein Toaster: 800 bis 1000 W. Alles, was heizt, verbraucht enorm.
Mein Rat: Wenn du nur Kühlschrank, USB und Beleuchtung brauchst, reicht eine Station mit 500-600 W Ausgangsleistung. Wenn du dir morgens einen Kaffee mit einer elektrischen Kaffeemaschine machen oder ein kleines Kochgerät anschließen willst, ziele auf 1000 bis 1500 W Minimum. Und wenn du einen Föhn oder eine Notfall-Heizung willst, brauchst du 2000 W oder mehr.
Fehler Nummer eins: Eine riesige Station kaufen, um eine fehlende Solardimensionierung zu kompensieren. Wenn du 3000 Wh Batterie hast, aber kein Solarpanel, hältst du vielleicht vier Tage -- dann bist du leer und brauchst sechs Stunden zum Nachladen auf dem Campingplatz. Besser 1500 Wh mit einem guten 200 W-Panel, das dich im Alltag autark macht.
Fehler Nummer zwei: Den Kühlschrank nachts vergessen. Der Kühlschrank läuft 24 Stunden. Nicht 8 Stunden. Nicht 12 Stunden. Vierundzwanzig. Das ist oft der am meisten unterschätzte Posten, weil man ihn nicht verbrauchen sieht.
Fehler Nummer drei: Nicht messen, bevor du kaufst. Ein Steckdosen-Energiemessgerät kostet 15 Euro. Schließe jedes Gerät 24 Stunden lang an und notiere den realen Verbrauch. Herstellerangaben lügen oder runden. Das Energiemessgerät schwindelt nicht.
Fehler Nummer vier: Den Wirkungsgrad der Kette ignorieren. Die Energie vom Panel durchläuft den MPPT-Regler (5 % Verluste), wird in der Batterie gespeichert (5-8 % Verluste beim Laden/Entladen), durchläuft den Wechselrichter für AC-Geräte (10-15 % Verluste). Insgesamt verlierst du zwischen Panel und Gerät 20 bis 25 % der Energie. Deine 200 W Panel stecken nicht 200 Wh pro Stunde in deinen Kühlschrank. Eher 150 bis 160 Wh.
Nimm ein Blatt. Notiere jedes Gerät, seine Durchschnittsleistung (nicht Maximum) und die Betriebsstunden. Multipliziere. Addiere.
Kühlschrank: 20 W x 24 h = 480 Wh.
Beleuchtung: 8 W x 4 h = 32 Wh.
Handys: 40 Wh (zwei Ladungen).
Laptop: 45 W x 3 h = 135 Wh.
Ventilator: 10 W x 8 h = 80 Wh.
Diverses (Pumpe, Router etc.): 50 Wh.
Gesamt: 817 Wh pro Tag.
Empfohlene Station für 2 Tage Autarkie: 817 x 2 = 1634 Wh nutzbar, also rund 2000 Wh Nennkapazität.
Empfohlenes Solarpanel für die Deckung des Tagesbedarfs im Sommer: 200 bis 300 W.
Passe es mit deinen eigenen Zahlen an. Ohne Laptop sinkst du auf 680 Wh. Mit Dieselheizung nachts im Winter steigst du auf 1100 Wh oder mehr.
Dimensionierung ist keine exakte Wissenschaft. Es ist eine Rechnung mit gesundem Menschenverstand und Sicherheitspuffer. Nimm dein Ergebnis, rechne 20 % drauf, und du bist auf der sicheren Seite. Lieber etwas zu viel als zu wenig. Denn auf einem Supermarktparkplatz in Rosenheim um 14 Uhr im Juni gestrandet zu sein -- glaub mir, das ist eine Erfahrung, die du nicht wiederholen willst. Für mehr Tiefe schau dir meinen Ratgeber zu tragbaren Powerstationen und die Erklärung der Wattstunde an -- das hilft dir, die Zahlen zu verstehen.
Ein Kompressorkühlschrank vom Typ Dometic CFX 35 verbraucht im Durchschnitt 15 bis 25 W (nicht die 45 W vom Datenblatt, weil der Kompressor zyklisch arbeitet). Auf 24 Stunden macht das 360 bis 600 Wh je nach Hitze. Das ist dein größter Verbraucher -- und der, den man am meisten unterschätzt.
Beides funktioniert, aber die tragbare Powerstation hat einen riesigen Vorteil: Du klemmst sie ab und nimmst sie mit. Kein permanentes Kabelwerk, keine Fahrzeugmodifikation, und wenn du das Wohnmobil wechselst, kommt sie mit. Die fest verdrahtete Zweitbatterie ist diskreter und lädt beim Fahren, aber der Einbau ist aufwändig und endgültig.
Für ein ordentliches Setup (Station 1000 Wh + 200 W-Panel auf dem Dach + Verkabelung) rechne mit 1000 bis 1800 Euro Gesamtkosten. Das ist eine Investition, die sich in ein paar Monaten frei Stehen ohne Campingplatzgebühren amortisiert.
Nicht unbedingt, aber es ist ein enormer Komfortgewinn. Deine Zweitbatterie versorgt das 12V-Netz des Wohnmobils (Beleuchtung, Pumpe), und die Station übernimmt 230V (Laptop, Kaffeemaschine, Ladegeräte). Beide ergänzen sich perfekt. Und wenn eines ausfällt, hast du immer noch das andere.
Cedric